Mit Gestaltungswillen und vernetzter Förderung durch herausfordernde Zeiten

Fachtagung „Zukunft der Kulturförderung“ des Deutschen Musikrats

Podiumsgespräch v.l.n.r.: Jörg Stüdemann, Stephanie Reuter, Kirsten Haß, Prof. Dr. Martin Zierold und Prof. Lydia Grün © DMR/ Kevin Fuchs

Am 23. Oktober 2026 veranstaltete der Deutsche Musikrat im Rahmen seiner diesjährigen Mitgliederversammlung in Berlin die öffentliche Fachtagung „Zukunft der Kulturförderung“. Im Mittelpunkt der mit 130 Teilnehmenden gut besuchten Tagung standen die aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der Kulturfinanzierung. Deutlich wurde, dass in der Kulturförderung Synergien in der Kombination der Förderung durch Kommunen, Länder und Bund sowie durch Stiftungen bis hin zur Wirtschaft und weiteren nichtstaatlichen Fördergebern entwickelt und intensiviert werden müssen.

Prof. Lydia Grün, Präsidentin des Deutschen Musikrats, macht im Nachgang der Tagung deutlich: „Der Deutsche Musikrat fordert Bund, Länder und Kommunen auf, die Kulturförderung zukunftsfähig und krisenfest aufzustellen. Angesichts wachsender finanzieller und gesellschaftlicher Herausforderungen braucht das Musikleben verlässliche öffentliche Förderstrukturen, langfristige Planungsperspektiven und eine engere Abstimmung der unterschiedlichen Fördergeber. Zugleich gilt es, neue Wege der Kulturfinanzierung zu eröffnen – mit einer stärker vernetzten Förderarchitektur aus Öffentlicher Hand, Stiftungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Innovative und solidarische Fördermodelle müssen gemeinsam erprobt und erfolgreiche Ansätze nachhaltig verankert werden. Die Tagung hat erste Ideen davon vermittelt, wie die Zukunft der Kulturförderung aussehen könnte: in gemeinsamer Verantwortung und Gestaltung.“

Den Auftakt der Tagung bildete eine Keynote von Prof. Dr. Martin Zierold (Hochschule für Musik und Theater Hamburg). Anschließend diskutierte er gemeinsam mit Kirsten Haß (Vorstand/ Verwaltungsdirektion Kulturstiftung des Bundes), Stephanie Reuter (Vorstand Bundesverband Deutscher Stiftungen) und Jörg Stüdemann (Stadtdirektor Dortmund a.D.) über die Zukunft der Kulturförderung.

Die zentralen Erkenntnisse der Tagung in acht Thesen:

1. Bisherige Gewissheiten geraten ins Wanken.
„Wir spüren, dass die Welt nicht mehr so funktioniert, wie sie war“, stellte Lydia Grün fest. Angesichts knapper öffentlicher Kassen und gesellschaftlicher wie politischer Umbrüche gerät das Kulturleben zunehmend unter finanziellen Druck. „Das Erste, was in Krisen verloren zu gehen droht, sind Mut und Zuversicht, Zukunft zu gestalten“, bemerkte Martin Zierold.

2. Krisen erfordern Gestaltung statt Resignation.
Zierold sprach von einer „Krise des Erwartbaren“ und plädierte dafür, Herausforderungen mit dem richtigen Mindset und tragfähigen Strategien zu begegnen. Denn: „Krisenzeiten sind auch Zeiten der Gestaltung“. Man müsse klug überlegen, was man mit den verbleibenden Mitteln mache und welche Wirkung man dabei erzielen wolle, betonte Kirsten Haß.

3. Nicht das Musizieren selbst, sondern seine Strukturen sind gefährdet.
Aktuelle Zahlen etwa zum Amateurmusizieren zeigen, wie lebendig die musikalische Praxis ist. Unter Druck geraten jedoch zunehmend die Institutionen und Strukturen, die sie ermöglichen und fördern.

4. Kulturinstitutionen müssen sich neu ausrichten.
Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen verlangen ein erweitertes Selbstverständnis und neue Aufgabenprofile. Kulturinstitutionen sollten sich auch als eine „Ressource der Stadt“ verstehen – als Orte, die weit über das künstlerische Angebot hinaus gesellschaftliche Wirkung entfalten. Als Best Practice-Beispiel erläuterte Zierold die 2020 in Oslo eröffnete „Deichman Bibliothek“, die durch ihre Ausrichtung als visionärer „Dritter Ort“ für eine moderne Transformation stehe. Sie habe zu einer Veränderung der gesamten Bibliothekenlandschaft in Norwegen beigetragen, die inzwischen bei den Menschen dort eine enorm hohe Wertschätzung erfahre.  

5. Es braucht neue Partnerschaften und überzeugende Argumente.
Kulturinstitutionen müssen aktiv auf bestehende und neue Partner zugehen und dabei auch unkonventionelle Wege beschreiten. Entscheidend ist, politische Entscheidungsträger:innen und weitere Akteur:innen mit überzeugenden Argumenten dafür zu gewinnen, sich für ein vielfältiges Musikleben starkzumachen. Zugleich betonte Stüdemann, dass in der Regel der Kulturetat in Städten nur etwa 1-3 % des Gesamthaushalts betrage: Man müsse deutlich machen, dass wirkliche Sparpotenziale eher in anderen Etats liegen.

6. Kulturförderung bedarf einer vernetzten Gesamtstrategie.
Eine vorausschauende Kulturplanung bringt die unterschiedlichen potenziellen Förderer und Geldgeber zusammen. Die Grundlage hierfür ist „eine Vision und die Überlegung, wie kluge Strukturen aussehen können“, meinte Stephanie Reuter. Dabei gilt es, die jeweiligen Rollen – etwa die von Stiftungen – und Möglichkeiten gemeinsam zu klären und aufeinander abzustimmen.

7. Finanzielle Resilienz wird immer wichtiger.
Wo politische Entwicklungen die Kunstfreiheit, Vielfalt und gewachsene Strukturen der Kulturförderung infrage stellen, wächst der Handlungsdruck, das Kulturleben breiter aufzustellen und seine finanzielle Widerstandsfähigkeit zu stärken.

8. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt.
Neue Wege der Kulturförderung zu entwickeln und tragfähige Partnerschaften aufzubauen, ist eine Aufgabe, die keinen Aufschub duldet. Auch unter schwierigen Bedingungen gilt: Es ist nie zu spät, damit anzufangen.

Wie neue Ansätze in der Praxis aussehen können, zeigten zudem vier Impulse: Amadeus Templeton (TONALi) stellte den solidarisch aufgesetzten TuttiFonds vor, Anna Blaich (Bundesstiftung LiveKultur) den Live Music Fund und Rebecca Zimmermann (Stiftung Kulturzukunft Bayern) den Kulturatlas Bayern. Madeline Ritter erläuterte am Beispiel von TANZPAKT Stadt-Land-Bund Prinzipien einer vernetzten Förderarchitektur.

Die Tagungsdokumentation finden Sie hier.

Berlin, 27. Oktober 2026