Musikpolitik

Lebenszeitverdichtung von Kindern und Jugendlichen

Stehen wir vor einer der größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen in der Bundesrepublik oder neigen wir in der vertwitterten, facebookgeschwängerten Welt zu immer neuen Aufgeregtheiten?

Die Rede ist von der Verdichtung des Lebensalltages im Kindes- und Jugendalter zwischen Smartphone und nonvirtueller Kommunikation, zwischen Fordern und Fördern, zwischen Beschleunigung und dem Traum(a) der Entschleunigung. Wo bleibt Kindheit, wenn sich das Tageslaufrad immer schneller, immer länger dreht und der „Ernst des Lebens“ schon das Ungeborene erreicht, weil überehrgeizige Eltern – Stichwort: Musik macht intelligent – das Synapsenwachstum durch pränatales Musizieren steigern wollen. Hilft da hinterherlaufen, mitlaufen oder gar vorweglaufen? Oder aussteigen?

Schulzeitverkürzung ist das Stichwort, das immer mehr Eltern, Schüler und Lehrer auf den Protestplan ruft. Erste Folgen werden sichtbar, wie noch mehr ausfallender Musik- bzw. Kunstunterricht und der Wegfall von Schul-AGs. Dahinter verbergen sich prägende Erlebniswelten zum Beispiel gemeinsamen Musizierens mit allen dazugehörenden sozialen Bindungen und Verbindungen, die nun wegfallen. Wenn keine Zeit mehr da ist, weil dieselbe Menge des Lehrstoffs in einem Schuljahr weniger zu bewältigen ist, weil die „Abminderungsstunden“ für die Band, den Chor, das Orchester gestrichen worden sind, dann geht ein Teil jener Erlebniswelt verloren, die Schule ein Alleinstellungsmerkmal verschafft. Sie ist die einzige Institution, die alle Kinder und Jugendlichen erfasst und mit der ganzen Bandbreite der zu vermittelnden Themen die Chance auf eine individuelle Profilbildung hat. Eben jene Unverwechselbarkeit, aus der – auch in der lebenslangen Erinnerung und Prägung – „meine“ Schule erwachsen kann und keine anonyme Lernfabrik.

Der Fehler liegt im System: Der Gradmesser für die Einteilung in Haupt- und Nebenfächer ist falsch justiert. Jene Fächer, die die Künste repräsentieren, sind im Schulalltag massiv unterrepräsentiert und unterbewertet. Dabei ist Musik genauso ein Hauptfach wie Deutsch, Mathematik oder eine Fremdsprache. Sollte es sein, ist es aber nicht im Schulalltag.

Dieser Systemfehler gewinnt in der Kombination mit jenen Eltern, die ihre Kinder gnadenlos überfördern, noch an Gewicht. Die Verdichtung des Lebensalltags ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die weit über das Thema Schulzeitverkürzung hinausgeht.

Quelle: Editorial der Ausgabe 03/2011 des Musikforums

Nimm Dir Zeit für Musik!

Vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Lebenszeitverdichtung, vor allem von Kindern und Jugendlichen, wurde der öffentliche Teil der Mitgliederversammlung 2012 mit dem Motto "Nimm Dir Zeit für Musik" diesem Thema im Schwerpunkt gewidmet.

Nach einem Impulsreferat des Soziologen Prof. Dr. Tilmann Allert haben folgende Vertreter aus Politik, Medien und Wissenschaft das Thema im Rahmen einer Podiumsdiskussion und anschließenden Plenumsdiskussion beleuchtet:

  • Prof. Dr. Tilmann Allert, Soziologe
  • Christoph Poland MdB, CDU/CSU, Mitglied des Ausschusses Kultur und Medien
  • Wolfgang Schmitz, Hörfunkdirektor des WDR

 

Moderation: Prof. Dr. Martin Ullrich, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen