Gipfeltreffen - Reformation: Gemeinsam Neues schaffen

„Gipfeltreffen – Reformation“: Die zweite Zusammenarbeit von Bundesjugendballett und Bundesjugendorchester in 2017 führte die Gedanken der Reformation ins Hier und Jetzt

„Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk“, gab der große Reformator Martin Luther den Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts bekannt und der Nach­welt mit auf den Weg. (...) Aus Anlass des Reformationsjubiläums 2017 greifen Bundesjugendballett und Bundes­jugendorchester das musikalische Erbe der Reformation auf und gehen damit gemeinsam deutschlandweit auf Tournee. (...) Damit verspricht das „Gipfeltreffen - Reformation“ Genuss für die Sinne auf höchstem künstlerischen Niveau.                                                                                                               (Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin)

(c) Silvano Ballone

Oft sind es kurze Augenblicke, die ein Leben verändern. Momente, bei denen deutlich wird, dass durch das Verstellen kleiner Räder tatsächlich etwas Neues entstehen kann. Vor 500 Jahren war es Martin Luther, der mit dem Anschlagen seiner Thesen die Welt nachhaltig prägte. In seinem Geiste begegnen sich im Januar 2017 das Bundesjugendballett und das Bundesjugendorchester. Anlässlich des Reformationsjubiläums arbeiten die talentiertesten Musiker und Tänzer der jungen Generation zum zweiten Mal unter dem Motto „Gipfeltreffen“ zusammen. Ihr Ziel: das musikalische Erbe Luthers und des Protestantismus in die Gegenwart überführen und dabei einander kennenlernen. Getragen von gegenseitigem Respekt und im Zeichen der Toleranz voreinander, erarbeiten die rund 120 jungen Menschen bekannte und zeitgenössische Werke mit Choreographien. Dabei zeigen sie auf höchstem künstlerischen Niveau die Vielfalt der musikalischen und der tänzerischen Welt in insgesamt neun Aufführungen. Die Gesamtleitung hat wie beim ersten „Gipfeltreffen“ im Jahr 2015 der Dirigent Alexander Shelly inne. Auf Seiten des Bundesjugendballetts leitet Kevin Haigen die künstlerische Produktion.

Grenzen auflösen

Dieses Gipfeltreffen sprengt die üblichen Aufwände einer Arbeits- und Konzertphase in mehrfacher Hinsicht: Neben der Erarbeitung groß besetzter Orchesterwerke widmen sich die jungen Musiker sowohl einer Uraufführung als auch überlieferten Chorälen Luthers auf teils historischen Instrumenten. Dazu fordert die Zusammenarbeit mit den acht jungen Tänzern des Bundesjugendballetts auch räumlich eine Erweiterung ein: Anstatt im Orchestergraben und auf der Bühne platziert, teilen sich die Ensembles ein gemeinsames Podium. Damit lösen sie die sonst für die Genres geltenden räumlichen und dramaturgischen Grenzen auf: Im hinteren Teil der unterschiedlichen Konzertstätten ist das Orchester platziert, im vorderen Teil ist ein Tanzboden verlegt. Orchestermusiker und Tänzer können dadurch gemeinsam in eine Interaktion treten, einander beobachten und miteinander kommunizieren. „Ballettänzer und Orchestermusiker – das sind im späteren Berufsleben zwei weitgehend unabhängig voneinander agierende, räumlich getrennte Welten. Bei unserem Gipfeltreffen geht es darum, den jungen Menschen zu zeigen: Schätzt die Kunst, habt Respekt voreinander. Nur dann kann etwas Großes entstehen“, sagt der Projektleiter des Bundesjugendorchesters, Sönke Lentz.

Choräle Luthers als roter Faden

Der rote Faden des gemeinsamen Programms sind ausgesuchte Choräle Luthers, die mal direkt, mal unterschwellig hörbar sind. Eröffnet werden die Aufführungen mit dem Stück „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“. Die Choreographie dazu, die mit einem einsam flackernden Licht auf der Tanzfläche beginnt, haben die Tänzer selbst erarbeitet. Es folgt Felix Mendelssohn-Bartholdys für großes Orchester geschriebene 5. Sinfonie, seine „Reformationssinfonie“. Imposant, erhebend, das Herz öffnend wirkt das junge Orchester unter der Leitung Shelleys und voller Spielfreude.

Nach dem ersten Satz ein Szenenwechsel, ein weiterer Luther-Choral erklingt. Die Bühne verdunkelt sich, von links stürmen Balletttänzer auf die Bühne. Von der rechten Seite tritt die Flötistin Naemie Vösand auf. Sie spielt auf ihrer barocken Holzquerflöte den Choral „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“  – ein zarter, zerbrechlicher, sakraler Habitus erfüllt den Raum. Musikerin und Balletttänzer bewegen sich wie durch ein unsichtbares Band verbunden aufeinander zu. Auf der anderen Seite der Bühne angekommen, ein letzter Blick zurück – und schon stimmt das Orchester, als wäre nichts gewesen, in Mendelssohns fröhlich beginnenden 2. Satz ein. Wie verstörend, wie betörend.

Solche dramaturgischen Generalpausen, in denen Tänzer und Musiker einander in ungewohnter Form begegnen, durchziehen das gesamte Programm. Der Bezug zu Luther bleibt stets greifbar, ob im Choral „Ein feste Burg“, mit dem Mendelssohns Sinfonie endet, oder mit ausgesuchten Chorälen zwischen den Werken. Es ist eine „klare und intensive Darbietung“, schreibt der Berliner Tagesspiegel (18.1.2017). Die WAZ befindet: „… das Bundesjugendorchester [präsentiert sich] unter der Leitung von Alexander Shelley als imposanten Klangkörper – intonationsrein, technisch exzellent und spielfreudig von druckvoller Dramatik bis in die feierlichen Choralpassagen“ (17.1.2017).

Neues und Altes - Damals und Heute

Erstmals aufgeführt wird bei dieser Arbeitsphase eine Auftragskomposition des Niederländers Michael van der Aa namens „Reversal for orchestra“. Das knapp 10-minütige Werk wird choreographisch von Andrey Kaydanovski umgesetzt. Er hat tatsächlich erst während der gemeinsamen Probenphase mit Tänzern und Musikern die Choreographie erarbeitet. Seine Welt ist von kämpferischer Natur: Aggressivität und Qual sind dominierend, die Musik dazu ist düster. Die Kleidung der Tänzer erinnert an Uniformen, sie tanzen aber auf Socken. Zackige Bewegungen, die die starke Rhythmik des groß besetzten Schlagwerk-Apparates unterstreichen, geben der abstrakten, in Wellen auf- und nieder schwellenden Musik visuell eine zusätzliche Dramatik. Bei der Erstellung seiner Musik hatte van der Aa die Brüche und Umwälzungen in der Geschichte vor Augen und bezog sich dezidiert auch auf aktuellen Themen, darunter den Brexit und die Wahl des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Ob die wenigen sakralen Elemente seiner Komposition zum Luther-Jubiläum, die Glockentöne am Ende des Werkes, Totenglocke oder Hoffnungssignal sind, bleibt in der Interpretation des Hörers.

Ein erneuter Kontrast folgt: Johann Sebastians Bach Suite Nr. 3, zu der das weltberühmte „Air” gehört, erhebt sich schwungvoll und traumhaft schön. Die Choreographie von John Neumeier drückt wahre Ausgelassenheit aus, die Bewegungen sind schmeichelnd, fließend, wohltuend. Ein Moment des Seelenfriedens. Gekrönt wird diese Choreographie von einem innigen Pas-de-deux von Larissa Machado und Ricardo Urbina Reyes. Die Tänzer agieren „mit Hingabe, Anmut und Präzision, immer im Einklang mit dem bestens motivierten Orchester“ (Unser Lübeck, 17.1.2017), das „den Vergleich mit renommierten Profi-Ensembles nicht zu scheuen braucht“ (Oberhessische Presse, 20.1.2017). Dass Bach für junge Menschen nur auf den ersten Blick leicht zu spielen ist, bewahrheitet sich durch die besonderen Tempovorgaben Neumeiers umso mehr. Für seine geniale Choreographie wählt er ein breites, majestätisches Tempo fürs Orchester.

Am Übergang zum nächsten Werk erklingt erneut ein Soloinstrument: Die Konzertmeisterin erhebt sich von dem verdunkelten Orchester, zwei Tänzer treten auf. Sie wirken verloren, flüchtend, verängstigt. Amelie Cosima Wallner spielt eine improvisierte, zuversichtlich scheinende Melodie, dazu tauschen Musikerin und Tänzer fragende Blicke aus: Gibt es Hoffnung? Doch schon folgt die Ernüchterung: Priester und Soldaten treten auf in dunklen Gewändern und Tarnanzügen, die Musik wird rau. Die Tänzer robben, poltern und stampfen über die Bühne, es erklingen Kriegsmeldungen in diversen Sprachen, die Gesichter sind verzerrt. Jeder Tänzer hat einen musikalischen Partner im Orchester, Schlagzeuger, Trompeten. Ein großes Gewirr, in dem auch der Dirigent, als Priester getarnt das flackernde Kerzenlicht tragend, optisch eintaucht. Erneut erklingt ein Luthertext, diesesmal von einer freundlichen, jungen Frauen-Stimme gesprochen: „Ach Gott, vom Himmel sieh‘ darein und lass‘ dich des erbarmen, wie wenig sind der Heil’gen dein, Verlassen sind wir Armen“. Eine Resignation?

Das Programm endet mit Enjott Schneiders „Sinfonischem Gedicht für Orchester“ von 2010. Ein aufwühlende, packende Komposition, in der Tod und Leiden klanglich zunächst allgegenwärtig sind. Die Choreographie ist erneut von Zhang Disha: Sie entwirft ein Szenarium, in dem zum einen Kampf, Raketen und Angst vorherrschend sind, zum anderen das gesellschaftliche Auseinanderbrechen verbildlicht wird: soziale Isolation, wegsehen, auslachen, verhöhnen. All dies stellt das Ballettensemble mit großer Intensität, mit der Ausschöpfung einer breiten Palette körperlicher und mimischer Möglichkeiten dar. Am Gipfel der Wirren schimmert dann doch Hoffnung durch: die „Hymne“ des Protestantismus, „Ein feste Burg“, erklingt. Dazu Vogelgezwitscher, Flussgeplätscher, lyrische Momente. Aus den eben noch zischenden Raketen, die nun zerstört auf einem Häufchen am Boden liegen, steigt die Hoffnung auf Versöhnung hervor. „Dem friedlich verklingenden Klang-Orkan des Bundesjugendorchesters ließ das hellauf begeisterte Publikum einen Beifallssturm folgen“ (Oberhessische Presse, 20.1.2017). Zurecht. Denn unter der Leitung von Alexander Shelley ist bei diesem „Gipfeltreffen“ aus Musikern und Tänzern sichtbar ein kreatives, lernbegieriges Kollektiv entstanden, das mit Toleranz und Respekt Grenzen überwunden hat. Was für ein Abend.

 

„Ein Dossier von Dr. Anke Steinbeck.“

 

Programm

»Reformationssinfonie «

Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847)

Sinfonie Nr. 5, d-Moll op. 107 „Reformation“

Uraufführung am 15. November 1832

 

»Reversal«

Musik: Michel van der Aa (*1970)

Choreografie (Uraufführung) : Andrey Kaydanovskiy

Reversal for orchestra (2016)

Uraufführung am 13. Januar 2017

Auftragskomposition des Bundesjugendorchesters und Bundesjugendballett

 

»Bach Suite 3«

Musik: Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

Choreografie (Uraufführung: Hamburg Ballett 1981): John Neumeier

Orchestersuite Nr. 3, D-Dur, BWV 1068

Uraufführung unbekannt

 

»Eine feste Burg«

Musik: Enjott Schneider (1950)

Choreografie (Uraufführung) : Zhang Disha

Sinfonisches Gedicht für Orchester

Uraufführung 31. Oktober 2010

 

 

Beteiligte

Bundesjugendorchester

Musikalische Leitung

Alexander Shelley

Bundesjugendballett

Künstlerischer und Pädagogischer Leiter

Kevin Haigen

 

 

 

 

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