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#Orgeljahr2021

#TrostUndHoffnung: Folge 1 – Die Dimensionen der Zeit

Im Rahmen des überkonfessionellen Projekts „Orgelmusik in Zeiten von Corona“, das wir gemeinsam mit den beiden Kirchen durchführen, entstanden im Frühling 2021 17 Neukompositionen, die sich kreativ mit der Corona-Zeit auseinandersetzen. In der neuen Reihe #TrostUndHoffnung stellen wir Ihnen die Werke und ihren Bezug zur Corona-Zeit genauer vor und verraten, wo man diese live erleben kann.

In der Corona-Zeit wurden die Dimensionen der Zeit von vielen Menschen neu und anders wahrgenommen. Die Betriebsamkeit und Hektik des Alltags als ständige Rush Hour wurden durch die Lockdowns und die Corona-Maßnahmen ausgebremst – und das Leben, das von einer Balance zwischen Stillstand und Bewegung geprägt ist, kam zur Ruhe. Was für die einen wohltuende Entschleunigung war, stellte für andere ein beängstigendes Vakuum dar. In ihrer Komposition „im Donner der Zeit“ reflektiert die Komponistin, Pianistin und Musikwissenschaftlerin Dorothea Hofmann, wie Bewegung und Stillstand wahrgenommen werden. Sie sinniert dazu über die Zeit: „Wenn sie stehenzubleiben scheint, wenn die Minuten zu Stunden werden, wenn es keine Bewegung mehr zu geben scheint, sondern nur noch Stillstand – dann ist er zu hören: der raumgreifende, tosende ohrenbetäubende, erschreckende Donner der Zeit.“ Für ihre Erkundungsreise nutzt Hofmann das Potenzial der Musik, die sich als Klang in der Zeit entfaltet und lässt zum Beispiel flächige Liegetöne mit blitzartigen, „grell aufflackernden“ Einwürfen kollidieren, Tontrauben in Clustern sich zusammen drängen oder musikalische Pattern ihre unablässigen Kreise drehen und dabei eine fast tranceartige Zeitlosigkeit zelebrieren. Dorothea Hofmanns „im Donner der Zeit“ wird u.a. am 27. November in der Protestantischen Kirche Erfenbach in Kaiserslautern zu hören sein.

Mit kaum sich verändernden Pattern sorgt die Minimal Music, die in den 1960er Jahren in den USA entwickelt wurde, für eine ungewohnte Erfahrung von Zeit- und Orientierungslosigkeit. Daran knüpft auch die Musikerin und Komponistin Dorothée Hahne in ihrer Komposition „Gestern – heute – morgen“ an, der sie die Gedichtzeilen an die Seite stellte „Sich im Kreis drehen / und trotzdem / auf der Stelle treten / In kleinen Schritten / Fokus im Detail / Emotionale Breitseite / zwischen Hoffnung und Verzweiflung / Halt gibt nur die Liebe / Da Capo!“ So spiegeln Hahnes von der Minimal Music geprägten Klangflächen die ewig gleichen Rituale und Kreisläufe des Lebens in der Corona-Zeit wider und erzeugen dabei einen Flow-Zustand, wobei Jazz- und Tango-Elemente immer wieder ungewohnte Farben einbringen. Dorothée Hahnes „Gestern – heute – morgen“ können Sie u.a. am 25. September in der  Pfarrkirche St. Ägidius im bayerischen Eging am See erleben.

Die Langsamkeit zelebrieren: Darum geht es in Kathrin A. Denners Werk „Skulp“. Denner selbst beschreibt es als „zartes Klangflächenstück […]. Es ist sehr langsam zu spielen und entfaltet sich durch seine Instrumentation, in feinen Schwebungen, Klangfarben und Nuancen.“ Die langen, miteinander verbundenen Liegetöne in dieser „Slow Music“ scheinen dabei die Ewigkeit zu symbolisieren, sie verändern sich nur graduell, aber doch unaufhaltbar. Kathrin A. Denners „Skulp“ wird u.a. am 10. Oktober in der Propsteikirche St. Peter und St. Paul in Bochum aufgeführt.

Nicht nur die Dehnung oder Raffung der Zeit wurde in der Corona-Pandemie neu erfahren, sondern auch die Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten, Realitäten und Schicksale. Der Organist und Komponist Maximilian Schnaus schafft in seinem Werk „Simultanmusik“ eine Analogie auf diese Gleichzeitigkeit: Aus anfangs nur zwei Halbtönen erwächst eine Vielfalt aus parallel erklingenden Stücken. Diese Polyphonie, sagt der Komponist dazu, „bezieht sich auf gleichzeitig ablaufende, unterschiedliche Musikstücke, in Schichten hintereinander angeordnet auf einen Fluchtpunkt hin.“ So wird „Simultanmusik“ auch zum klingenden Beleg einer vielfältigen Gesellschaft mit ihren verschiedenen Geschichten, die in einem gemeinsamen Schicksal vereint ist. Maximilian Schnaus spielte seine Komposition am 3. Oktober in der St. Nikolaikirche in Potsdam.

Alle Informationen zum Projekt und den Kompositionen, das Registrierungsformular zum Mitmachen und den vollständigen Konzertkalender finden Sie auf www.orgel-corona.de.

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