Rede der Bundesministerin Ursula von der Leyen bei der Verleihung des Musikpreises 50+

Es gibt einen schönen Satz von Aristoteles, der lautet: „Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu machen.“ Ich glaube, das können alle, die heute Abend hier im Saal sind, tief nachempfinden. Ich will Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich habe viele Termine; viele davon sind Pflicht. Diese Veranstaltung heute Abend ist definitiv ein Termin, der Kür ist, der unendlich viel Freude macht. Ich bin sehr gespannt darauf, was ich heute erleben werde, und ich bin vor allem auch sehr gespannt darauf, was ich an diesem Abend hören werde.
Die Wiesbadener Erklärung macht deutlich, wie sehr Musik, wie sehr Musizieren nicht nur das Leben allgemein, sondern insbesondere das Leben älterer Menschen bereichert. Deshalb freue ich mich auch so sehr, dass sich der Deutsche Musikrat dieses Themas so tatkräftig angenommen hat. Denn wir erleben zurzeit den so genannten demographischen Wandel. Das heißt eigentlich nichts anderes, als dass aus bestimmten Gründen in den vergangenen Jahren immer weniger Kinder geboren worden sind. Dagegen tun wir etwas in der Familienpolitik. Aber der zweite Grund für den demographischen Wandel ist ein ganz positiver: nämlich dass wir, Gott sei Dank, länger leben. Und das heißt auch: Wir haben noch nie eine Generation älterer Menschen gehabt, die so gebildet, so fit, so einsatzfreudig und gestaltungsfreudig ist wie heute. Es liegt an uns, diese gewonnenen Jahre als geschenkte Jahre wahrzunehmen; Jahre, die man mit Leben und auch mit Musik füllen kann. Das Alter ist heute nicht mehr nur ein kurzer Nachklang nach einem Berufsleben, sondern eine ganz eigenständige Lebensphase. Oft dauert sie zwanzig, fünfundzwanzig Jahre und länger. Das ist eine Zeit, die wir nutzen können, die man gestalten kann. Welche Horizonte Musik in dieser Alters- und Lebensphase eröffnen kann! Ich denke an Yehudi Menuhin, der mit über 70 Jahren noch als Dirigent eines Jugendorchesters unentwegt durch Asien getourt ist. Aber man muss gar nicht auf die großen Stars schauen: Ältere Menschen, die mit Freude und mit Erfolg Musik machen, gibt es in ganz großer Zahl und überall. Dieser Wettbewerb beweist, was für ein Potenzial da ist, das wir bisher wenig wahrgenommen haben. Natürlich stimmt bei Musik immer noch der alte Satz „Früh übt sich“. Deshalb legen wir auch so viel Wert darauf, dass gerade die Kleinen, gerade die Kinder am Anfang mit Musik in Berührung kommen und ein Musikinstrument lernen. Wir alle und vor allem Sie hier im Raum wissen aus der eigenen Erfahrung, dass Musik Empfindungen ausdrückt, die nur ganz schwer in Worte zu fassen sind. Dass Musik den Rhythmus zum Körpergefühl macht, aber auch Körpergefühl zum Rhythmus machen kann. Dass Musik – wie ich finde – nicht nur das Ohr, sondern auch die Seele öffnet, die Wahrnehmung für die Schönheit von Klängen und von Harmonie erweitert. Musik bringt etwas zum Schwingen in uns, das durch nichts anderes zum Schwingen gebracht wird als eben durch Musik.
Aber all das, was ich eben geschildert habe, ist nicht nur gut für die Entwicklung von Kindern, für die Bereicherung ihres Lebens und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Das ist auch etwas, womit ältere Menschen neue Erfahrungen gewinnen können! Ich habe die Antwort des berühmten Cellospielers Pablo Casals im Ohr, der als 93-jähriger auf die Frage, warum er immer noch täglich stundenlang Cello üben würde, antwortete: „Weil ich das Gefühl habe, täglich besser zu werden.“ Ich bin davon überzeugt, dass er Recht hatte. Ich freue mich auch immer, wenn große Musiker sagen, dass mit dem Alter die Erfahrung wächst, Musik zum Ausdruck zu bringen. So mag man sich vielleicht die Virtuosität erhalten, indem man langsamer spielt – und dadurch wirken dann schnelle Passagen besonders schnell. Ältere Menschen sollten also nicht nur die Formel des lebenslangen Lernens ernst und wörtlich nehmen, sie sollten das in der Musik auch auskosten. Ich finde die Grunderfahrung ganz wichtig, dass das Lernen oder die Empfindung von Musik, die Verfeinerung des Musizierens und auch das gemeinsame Musizieren nicht der Jugend vorbehalten ist, sondern gerade durch lebenslanges Lernen im Laufe eines Lebens enorme Erweiterungen erfahren kann.
Außerdem ist es auch später nie zu spät, etwas Neues anzufangen. Jemand, der in der Jugend kein Instrument erlernt hat, kann im Alter noch damit beginnen. Vielleicht wird man nicht ganz so virtuos wie die Kleinen, die wir bei „Jugend musiziert“ schon früh sehen. Aber den Traum, ein Instrument zu erlernen – den kann jede und jeder sich auch im Alter noch erfüllen. Andere haben in der Jugend ein Instrument gespielt, die Musik genossen, in Chören mitgesungen – dann kam die Mitte des Lebens mit unendlicher Fülle und Arbeit und es war ihnen nicht mehr möglich, zu musizieren. In den späteren Jahren dann Verschüttetes wieder zu entdecken, Fähigkeiten wieder zu entwickeln, die mal da gewesen sind, ist eine fantastische Erfahrung, die wir gerade in einem Land des langen Lebens auskosten sollten.
Ich kann deshalb auch die Musikschulen nur ermutigen, gerade auch für ältere Menschen vermehrt Unterricht anzubieten. Musik öffnet die Sinne, Musik weckt Lebensfreude. Ich finde, man spürt auch, dass die Lebensfreude durch Musik wächst, wenn man älteren Menschen beim Musizieren zuschaut, und das betrifft auch eine Gruppe, der wir das nicht so ohne weiteres gleich abnehmen: Das sind die hoch betagten oder pflegebedürftigen oder demenzkranken Menschen. Gerade bei Menschen mit Demenzen, bei denen die Erfahrungsbreite immer enger geworden ist, bei denen die Empfindungsmöglichkeiten immer schmaler geworden sind: Wenn wir sehen, was Musik an Erinnerungen noch auslöst, was sich bei Musik an Empfindungen auf ihren Gesichtern abspielt, dann ahnt man, welch unendliche Kraft die Musik hat. Ich finde es auch ganz, ganz wichtig, dass Musik Gemeinschaft schafft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Musizieren ist gut gegen Einsamkeit. Es bringt die Menschen zusammen und ich denke, es steht dem Musikland Deutschland gut an, wenn die ältere Generation musiziert statt resigniert.
Ich danke für das Engagement des Deutschen Musikrates. Es geht in die richtige Richtung. Mich freut besonders, dass Sie in der Wiesbadener Erklärung auch auf das von uns neu geschaffene Angebot der Mehrgenerationenhäuser eingehen. Inzwischen gibt es 500 dieser Häuser in Deutschland. Ihre Anregung, in die Mehrgenerationenhäuser auch musikalische Angebote gerade für die ältere Generation aufzunehmen, trage ich gerne weiter. Ich weiß aus so manch einem Mehrgenerationenhaus, das sie das bereits beherzigen, aber am besten sollten alle 500 dies umsetzen. Musik ist eben nicht nur etwas für Jüngere oder nur etwas für Ältere, sondern gerade der generationenübergreifende Aspekt ist ganz entscheidend. Ja, jede Generation hat ihre eigene Musik, aber wirklich große Musik verbindet Generationen. Denken Sie an Bach oder denken Sie an die Beatles. Beide gleichermaßen verbinden viele Generationen. Denken Sie an die archaischen Melodien von Paul Gerhardt, aber auch die vertrauten Melodien von George Gershwin; auch das verbindet Generationen. Es war mal Musik für eine Generation und ist inzwischen eine generationenübergreifende Musik –ganz tief im Musikempfinden der Menschen verankerte Melodien.
All diese Aspekte von Musik werden uns gleich bei den Preisträgerinnen und Preisträgern des Musikpreises 50+ wieder begegnen. Noch mal: Ich gratuliere Ihnen, ich gratuliere dem Deutschen Musikrat zu diesem Wettbewerb und zur Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger. Allen, die mitgemacht haben: Respekt vor dem Engagement. Ob es der erste Preis oder eine lobende Anerkennung ist: Dabei sein ist alles! Ich glaube, der Weg hierhin, das gemeinsame Musizieren und die heutige Vorführung, ist schon reiche Ernte einer gemeinsamen Arbeit und eines gemeinsamen Musikempfindens. Ich bin sicher, dass dieses Engagement und dieser Wettbewerb dazu beitragen, dass noch mehr ältere Menschen die Freude und den Reichtum des Musizierens entdecken werden. 
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